Gottesdienstablauf

Allgemeine Informationen

Titel: „Erinnern und Gedenken“
Ein Gottesdienst von Pfarrerin Iris Opitz-Hollburg und Team, veröffentlicht am 24.04.2010.

Kurzbeschreibung: Gedenkgottesdienst anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Er wurde zusammen mit einer Konfirmandengruppe am 24. Januar 2010 in der Evangelisch-reformierten Kirche in Detmold-Berlebeck gefeiert.

Besondere Hinweise zum Ablauf: Textnachweis:
Die Gedichte „Erinnern – warum?“ und „Erinnern“ sind dem Kursbuch Religion Elementar 9/10, S. 152 Calwer Diesterweg, Stuttgart 2006 entnommen.

Themen-Schlagworte: Antisemitismus, erinnern, Fremdenfeindlichkeit, Freundschaft, Geburtstag, gedenken, Konzentrationslager, Nationalsozialismus

Eingang
MUSIK

BEGRÜSSUNG

(2 Konfirmand/innen)
Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der niemals preisgibt das Werk seiner Hände.

Liebe Gemeinde!
Wir heißen Sie herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst.
Im Konfirmandenunterricht haben wir uns mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Dazu haben wir den Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ gesehen. Daran möchten wir Sie teilhaben lassen. Wir werden einige Szenen aus dem Film in diesem Gottesdienst vorspielen. Wir verstehen nicht, wie das alles geschehen konnte. Wir begreifen nicht, wozu Menschen fähig sind.
Erinnern und Gedenken: das wird das Thema dieses Gottesdienstes sein.
Unsere Fragen und unsere Hilflosigkeit bringen wir vor Gott. Von ihm erbitten wir Kraft, Weisung und Trost.
So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

LIED

Kommt herbei, singt dem Herrn (EG 577,1-6)

PSALM

Psalm 86 im Wechsel (EG 737) (Zwei Konfirmanden)

GEBET

(Eine Konfirmandin)
Herr, unser Gott, lieber Vater im Himmel. In Deinem Namen sind wir versammelt. Du bist mitten unter uns. Wir haben vom Elend Deines Volkes gehört, wir haben es in Bildern gesehen. Wir haben gehört und gesehen, was Menschen einander antun können. Wir können das Entsetzliche nicht fassen. Lenke unsere Sinne auf dich. Lass uns deine Stimme hören. Lass das Vertrauen zu Dir wachsen, stärke unsere Hoffnung. Gib uns Rat und Weisung , offene Ohren und einen wachen Blick, nicht wegzuschauen, wenn Menschen in unserer Nähe bedrängt werden.
Stärke uns dazu in diesem Gottesdienst.
Amen.

LIED

Gott gab uns Atem (EG 432,1-3)

Verkündigung
ANSPIEL

Der Junge im gestreiften Pyjama

Erzähler: Wir werden Bruno und Schmuel kennen lernen. Bruno ist ein deutscher Junge, der mit seiner Familie von Berlin nach Auschwitz in Polen gezogen ist. Sein Vater ist Kommandant des Vernichtungslagers. Aber Bruno weiß nicht, was sein Vater tut, und er weiß auch nicht, was in Auschwitz geschieht. Brunos Hobby ist Forschen. Weil er sich langweilt, will er die Umgebung erforschen, und kommt dabei eines Tages an den Zaun des Lagers: Dort sieht er hinter dem Zaun einen Jungen in seinem Alter sitzen. Neugierig geht er hin.

1. SPIELSZENE

(Im Kirchraum ist Stacheldraht ausgerollt)

Bruno: Hallo.
Schmuel: Hallo. (Guckt traurig auf den Boden und sieht dann zu Bruno mit traurigem Gesichtsausdruck auf)
Wo kommst du denn her?
Bruno: Ich forsche hier. Und du, was machst du hier?
Schmuel: Ich sitze hier, weil ich allein sein möchte.
(Bruno schaut Schmuel nachdenklich aber interessiert an. Er setzt sich auf seiner Zaunseite in den Schneidersitz, so wie Schmuel es auf seiner Seite tut.) Ich heiße Schmuel.
Bruno: Schmuel? Das klingt aber komisch. Den Name habe ich noch nie gehört. So heißt doch kein Mensch.
Schmuel: (guckt traurig) Auf dieser Seite des Zauns heißen viele Schmuel.
Bruno: Ich heiße übrigens Bruno!
Schmuel: Bruno? Das klingt aber auch komisch. Bruno? Den Namen habe ich auch noch nie gehört.
Bruno: Mir ist auch noch niemand begegnet der Bruno heißt, vielleicht bin ich der Einzige.(kurze Pause)
Schmuel: Ich hätte auch gern einen Namen, den ich nur alleine habe.
Bruno: Wie alt bist du eigentlich?
Schmuel: (er überlegt und senkt den Blick zu seinen Fingern und zählt mit den Fingern von 1-9)
Ich bin neun, denn ich habe am 15. April 1934 Geburtstag.
Bruno: (starrt Schmuel verblüfft an, reißt die Augen auf und formt den Mund zu einem erstaunten O) Das glaube ich nicht. Ich habe auch am 15. April 1934 Geburtstag. Wir sind am selben Tag geboren.
Schmuel: Echt? Dann bist du also auch neun?
Bruno: Ja. Ist das nicht komisch? Wir sind wie Zwillinge. (ist völlig begeistert)
Schmuel: Stimmt, ein bisschen. (lächelt)
Bruno: Warum hast du am helllichten Tag einen Schlafanzug an?
Schmuel: Als wir herkamen, wurde uns unsere Kleidung weggenommen, dafür bekamen wir diese gestreiften Anzüge. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie viele wir auf der Seite des Zaunes sind. Hier sind Abertausende.
Woher kommst du eigentlich?
Bruno: Ich wohne in dem Haus dort hinten. Aber eigentlich komme ich aus Berlin.
Schmuel: Wo ist das?
Bruno: (öffnet den Mund und überlegt) In Deutschland natürlich. Kommst du etwa nicht aus Deutschland?(guckt verwundert)
Schmuel: Nein, ich komme aus Polen.
Bruno: Und warum sprichst du dann Deutsch?
Schmuel: Weil du mich auf Deutsch begrüßt hast. Also habe ich auf Deutsch geantwortet.
Sprichst du Polnisch?
Bruno: Nein, (lacht nervös) ich kenne keinen, der zwei Sprachen spricht. Schon gar nicht in unserem Alter.
Schmuel: Mama ist Lehrerin in meiner Schule, von ihr habe ich Deutsch gelernt. Sie spricht auch Französisch, Italienisch und Englisch. Sie ist sehr klug.
Bruno: Polen ist nicht so schön wie Deutschland oder? (ist nachdenklich)
Schmuel: (runzelt die Stirn) Warum nicht?
Bruno: Na ja, weil Deutschland das größte aller Ländern ist, und Vater hat gesagt, dass wir überlegen sind, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. (wartet ein paar Sekunden)
Wo liegt Polen eigentlich?
Schmuel: In Europa. Wir sind hier in Polen.
Bruno: Wirklich?
Schmuel: Ja, auch wenn das hier kein schöner Teil von Polen ist. Wo ich her komme, ist es viel schöner.
Bruno: Aber bestimmt nicht so schön wie in Berlin, dort hatten wir ein großes Haus mit fünf Stockwerken und da waren hübsche Straßen mit Geschäften, Obst- und Gemüseständen und vielen Cafés. Es war alles viel schöner, bevor sich alles verändert hat. (er blüht beim Erzählen auf)
Schmuel: Wie meinst du das? (guckt fragend)
Bruno: Früher war es dort ruhig (wieder trauriger) und abends konnte ich im Bett noch lesen.
Aber jetzt ist es manchmal sehr gruselig und laut, und wenn es dunkel wird, müssen wir alle Lichter ausmachen.
Schmuel: Wo ich herkomme, ist es viel schöner als in Berlin. Wir haben eine große Familie. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung über der Werkstatt, in der Papa seine Uhren machte. Jeden Morgen haben wir gefrühstückt, und während mein Bruder und ich in der Schule waren, hat Papa die kaputten Uhren von Kunden repariert oder neue gemacht. Ich hatte eine wunderschöne Armbanduhr von ihm. Sie hatte ein goldenes Zifferblatt, und ich zog sie jeden Abend vor dem Schlafengehen auf. Zuhause waren alle freundlich und das Essen war auch viel besser.

LIED

Hevenu schalom (EG 433)

2. SPIELSZENE

Bruno: Hallo Schmuel.
Schmuel: Hallo! Schön, dass du gekommen bist. Ich sitze gern hier und rede mit dir. Du bist mein Freund.
Bruno: Und du bist mein Freund. Obwohl, das ist die seltsamste Freundschaft, die ich jemals hat¬te.
Schmuel: Warum?
Bruno: Weil wir überhaupt nicht richtig spielen. Wir sitzen immer nur da und reden. Wir sollten mal was Aufregenderes machen. Vielleicht die Gegend erforschen. Oder Fußball spielen. Wir haben uns noch nie ohne den Sta¬cheldraht zwischen uns gesehen.
Schmuel: Da hast du Recht. Übrigens, ich komme hier raus. Nicht richtig natürlich. Nur für kurze Zeit, ich soll nämlich bei einem Fest helfen.
Bruno: Bei einem Fest?
Schmuel: Denk dir, einer von diesen Soldaten hier im Lager hat mir den Befehl gegeben heute in einem Haus von Deutschen zu helfen. Ich soll Gläser polieren, weil ich so kleine Hände habe.
Bruno: Bei Deutschen? Das kann ja nur bei uns sein, sonst wohnt hier ja keiner. Dann sehen wir uns ja heute bei uns.
Schmuel: Vielleicht. Aber sag mal, hast du was zum Essen dabei?
Bruno: Nein, tut mir leid, ich hab es vergessen. Eigentlich wollte ich Schokolade mitnehmen.
Schmuel: Schokolade? Schokolade habe ich nur einmal gegessen.
Bruno: Nur einmal? Ich liebe Schokolade. Ich kann nicht genug davon kriegen, obwohl Mutter sagt, Schokolade ruiniert die Zähne.
Schmuel: Hast du denn vielleicht ein bisschen Brot?
Bruno (kopfschüttelnd):Gar nichts. Aber weißt du was, wenn du heute Abend sowieso bei uns bist, dann kann ich dir ja was geben.
Schmuel: Oh nein, das ist streng verboten. Das darf ich nicht, der Soldat hat es extra gesagt.
Bruno: Wir werden ja sehen. Bis heute Abend.

SCHATTENSPIEL

Schmuel poliert die Gläser: Bruno kommt herein und begrüßt Schmuel freundlich, klopft ihm auf die Schulter. Auf dem Tisch steht Kuchen. Bruno zeigt darauf. Schmuel schüttelt den Kopf. Bruno ermuntert Schmuel davon zu essen. Zögernd, dann mit Heißhunger verschlingt Schmuel den Kuchen. Ein Soldat kommt herein und sieht, wie Schmuel isst. Der Soldat starrt Schmuel an. Der schüttelt den Kopf und zeigt auf Bruno. Bruno zögert. Dann schüttelt er den Kopf. Der Soldat zerrt Schmuel an der Haaren nach hinten und schlägt auf ihn ein.

3. SPIELSZENE

Bruno und Schmuel sitzen wieder am Zaun
(Die Gedanken von Schmuel und Bruno werden aus dem Hintergrund von zwei Konfirmanden gelesen)

Gedanken von Schmuel:
Es tut noch so weh! So geschlagen hat mich der Soldat. Nur weil ich ein bisschen gegessen habe. Ich hatte doch solch einen Hunger. Und ich hab es mir doch gar nicht genommen. Bruno hat es mir doch gegeben. Dabei wusste er, dass ich nichts essen darf. Er hat doch gesagt: „Ich bin dein Freund.“ Er ist doch nicht mein Freund! Ein Freund verrät doch seinen Freund nicht. Wie konnte er mir das antun? Wenn es drauf ankommt, dann lässt er mich im Stich.
Gedanken von Bruno: Ich bin ein Verräter. Wie konnte ich das nur tun? Schmuel ist doch mein Freund. Als der Soldat reinkam und ich sah, wie böse er war, hatte ich nur Angst. Ich wollte das nicht. Was soll ich nur tun? Ob ich noch Schmuels Freund sein darf? Was ist, wenn Schmuel nichts mehr mit mir zutun haben will? Es tut mir so leid. Ich muss mich bei ihm entschuldigen.
Bruno: Schmuel? Es tut mir so leid, Schmuel. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Verzeih mir bitte?! Noch nie habe ich einen Freund so hängen lassen. Schmuel, ich schäme mich vor mir selber. Nie wieder will ich so etwas tun. Das verspreche ich dir.
Schmuel: Ist schon gut. (Schmuel lächelt und reicht ihm die Hand durch den Zaun).
Bruno: Tuts noch weh?
Schmuel: Inzwischen spüre ich nichts mehr.
Bruno: Es sieht aber aus, als würde es wehtun.
Schmuel: Das ist es nicht.
Bruno: Was ist es dann?
Schmuel: Papa! Wir können ihn nicht finden.
Bruno: Nicht finden? Wieso? Du meinst, er ist verloren gegangen?
Schmuel: So ähnlich. Am Montag war er noch da, dann ging er mit ein paar an¬deren Männern zum Arbeitsdienst, und keiner von ihnen ist zurückgekommen.
Bruno: Hat er dir keinen Brief geschrieben? Oder eine Nachricht hinterlassen, wann er zurückkommt?
Schmuel: Nein, gar nichts. Nichts, überhaupt nichts. Ich weiß nicht, wie wir ohne ihn zurechtkommen sollen.
Bruno: Ich helfe dir deinen Vater zu suchen. Wir beiden werden forschen und ihn finden.
Schmuel: Aber das geht doch nicht.
Bruno: Doch, das geht: Ich brauche nur so einen gestreiften Anzug wie du ihn anhast, dann könnte ich auf einen Besuch rüberkom¬men, ohne dass jemand es spitzkriegt.
Schmuel: Meinst du wirklich? Würdest du das ma¬chen?
Bruno: Natürlich. Wir drehen eine Runde und sehen, ob wir Spuren finden. Das ist immer ratsam, wenn man forscht. Das einzige Problem dürfte sein, wie wir an einen zweiten gestreiften Anzug kommen.
Schmuel: Das ist ein¬fach. Da ist eine Baracke, in der bewahren sie Kleidung auf. Ich kann einen in meiner Größe besorgen und mitbringen. Dann kannst du dich umziehen, und wir suchen Papa.
Bruno: Wunderbar. Dann ist das abgemacht.
(Schmuel geht und kommt mit einem Anzug zurück. Bruno wartet.)
Schmuel: Schau, ich habe dir die Sachen mitgebracht: Eine gestreifte Hose, Mütze und Jacke. Willst du mir wirklich immer noch helfen meinen Papa zu suchen?
Bruno: Natürlich, ich lasse dich nicht noch einmal im Stich. Das habe ich dir doch versprochen. Los, hilf mir den Zaun anzuheben.
(Bruno zieht seine Kleidung aus und den gestreiften Anzug am. Dann krabbelt er unter dem Zaun hindurch.)
Bruno: Meine Oma hat immer gesagt: Mit den richtigen Kleidern fühlst du dich wie die Person, die du vorgibst zu sein. Genau das mache ich jetzt! Ich gebe vor, eine Person auf der anderen Zaunseite zu sein.
Schmuel: Ein Jude, meinst du.
Bruno: Ja, ein Jude.
(Die beiden stehen Hand in Hand, gehen dann ab.)

Erzähler:
Brunos Eltern und die Soldaten durchsuchten das ganze Haus nach ihm. Sie durchforsteten die umliegenden Ortschaften, doch er war nicht zu finden. Schließlich entdeckten sie Brunos Kleider am Zaun. Doch keiner konnte sich erklären, was mit dem kleinen Jungen passiert war. Die Eltern waren völlig verzweifelt. Bruno blieb verschwunden. Für immer.
Brunos Mutter und seine Schwester zogen nach Berlin zurück, doch der Vater blieb in Auschwitz. Immer dachte er an Bruno, immer wieder ging er zu der Stelle am Zaun, wo sie Brunos Kleider gefunden hatten. Nach einem Jahr entdeckte der Vater, dass der Zaun an dieser Stelle nicht richtig befestigt war. Voller Grauen wusste er plötzlich, was mit seinem Sohn geschehen war.

GEDICHT

(2 Konfirmand/innen)

1)Erinnern – warum? Ich bin kein Täter. Ich bin nicht schuld! Ich bin kein Opfer. Ich verspüre keinen Hass. Ich bin nicht dabei gewesen. Erinnern warum?
2) Erinnern – warum? Wer sind die Täter? Ich kenne niemand. Wer sind die Opfer? Ich kenne niemand. Was geht mich das an? Erinnern – warum?
1) Erinnern - warum? Ich bin jung. Meine Zukunft liegt vor mir –nicht hinter mir. Ich will mich auf mein Leben freuen. Unvorbelastet! Erinnern – warum?

MUSIK

LESUNG

TEXT EINES KONFIRMANDENVATERS
49449 – eine Zahl, die mich seit dem 29.11.2009 beschäftigt und mich dazu brachte diese Sätze nieder zuschreiben.

Was sagt dir diese Zahl?
49449

Ein gut besuchtes Fußballspiel, der Kaufpreis eines deutschen Mittelklassewagen – oder ????
Für mich war es nur eine Zahl wie 12, 2658 oder 18.569.
Am 9.11.2009 nahm ich mit meiner Familie am Gedenkmarsch zur Reichs Pogromnacht in Detmold teil. In der darauffolgenden Gedenkfeier mit Beiträgen von Schülern und Schülerinnen vom LEOPOLDINUM und GRABBE GYMNASIUM fiel der Begriff “Gleis 17 in Grunewald\". Es sollte ein Mahnmal zur Juden Deportation sein. Gut.
Da wir Ende November einen Wochenendtrip nach Berlin planten, schaute man bei Google nach, wo es war. Es war gleich in der Nähe unserer Jugendherberge. Also waren wir am 29. 11. vormittags da. Als wir mit der S Bahn ankamen, war das \"Gleis 17“ schon ausgeschildert. Wir folgten den Schildern und kamen zu einer alten, ausgetretenen Treppe. Auf der Hälfte der Treppe war an der rechten Seite der Wand eine Gedenktafel:
\"Zum Gedenken der in Todeslagern deportierten Juden
vom Oktober 1941 bis Februar 1945\".
Als wir dann auf dem Bahnsteig standen, war da zuerst nichts außer ein paar Metallgittern. Beim genaueren Anschauen sah man, dass an der Bahnsteigkante zu jedem Gitter Zahlen standen. Es waren ein Datum und Angaben zur Personenzahl der verschleppten Juden, nein, der verschleppten Menschen. Auf jeder Platte ein anderes Datum, eine andere Zahl, aber eins hatten alle gemeinsam: Die Namen der Vernichtungslager: AUSCHWITZ, THERESIENSTADT, BERGEN BELSEN, RIGA, BUCHENWALD. Alles Namen unserer Geschichte. Keine schönen Namen. Namen, die Angst und Schrecken verbreiteten. Wir gingen am Bahnsteig entlang und ich zählte die Zahlen zusammen und erschrak: 49449.
49449 Menschen wurden von hier aus in einen sinnlosen Tod geschickt.
Nun nahm man die Umgebung plötzlich anders wahr. Es nieselte leicht und als ich unten auf dem Gleis stand, die Augen schloss, glaubte ich die Schreie und das Klagen der Menschen zuhören. Auch das Rufen der SS Wachen. Die dumpfen Schläge der Holzknüppel auf den Körpern. Es war beängstigend. Als wir nach einer Stunde wieder gingen, drehte ich mich am Fuße der Treppe um und schaute nach oben. Nun wusste ich, warum diese Stufen so ausgetreten waren. Von 98898 Füßen. Von Füßen, die zu Kindern, Frauen, Männern und Familien gehörten. Sie wurden alle über diese Treppe auf diesen Bahnsteig getrieben und in Waggons gepfercht. Wie Tiere. Alle mussten die Treppe ohne Wiederkehr hoch, auf den Bahnsteig ohne Wiederkehr und in den Zug ohne Wiederkehr. Sie traten nun den Weg in einen sinnlosen Tod an. Und keiner weiß bis heute: WARUM?
Dies bedeutet für mich seit dem 29.11.2009 die Zahl: 49449.

GEDICHT

(1 Konfirmandin)

Erinnern.
Was war. Ich bin nicht verantwortlich. Was war.
Was sein wird? Ich bin verantwortlich. Was sein wird.
Was wird sein? Nicht was war! Hoffentlich. Erinnern sich alle.

LIED

Meine engen Grenzen (EG 600,1-4)

PREDIGT

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Die Geschichte von Schmuel und Bruno hat so nicht statt gefunden. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist ein Roman. Diese erfundene Geschichte ist eine Stellvertreter-Geschichte. Sie steht stellvertretend nicht allein für 49449 sondern für 6 Millionen Menschen und deren Lebensgeschichten, die in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten endeten.
Auch die Geschichte von Brunos Vater ist erfunden. Natürlich. Aber auch seine Geschichte steht für viele Lebensgeschichten.
Eine ist die von Jürgen Stroop, der in der Mühlenstraße in Detmold groß geworden ist. Er war ein kleiner Beamter im Katasteramt und ist auf der Karriereleiter der Nationalsozialisten stetig empor geklettert. Schließlich war er Kommandant für die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto und verantwortlich für den Abtransport der Juden aus Warschau. Im Gegensatz zu Brunos Vater hat ihm das, was er getan hat, nie leid getan. Er hat es bis zu seiner Hinrichtung in Polen nicht bereut.
Auch in Detmold brannte am 9. November 1938 die Synagoge in der Lortzingstraße. Die Nationalsozialisten zeigten ihr wahres Gesicht. Viele Deutsche hatten auf ein Wiedererstarken Deutschlands gehofft. Adolf Hitler wurde als Führer gefeiert. Viele Christen sahen in ihm ein Geschenk der Vorsehung. Erst allmählich begann ein entsetzliches Erwachen. Unzählige verloren in einem Wahnsinnskrieg ihr Leben, viele ihre Heimat.
Schmuel und seine Familie hat es nicht gegeben. Aber das Leid und den Tod, das sie erleiden mussten, das hat es gegeben. Das darf nicht verschwiegen und vergessen werden. Darum wird am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, an den Holocaust erinnert.
Auch in Detmold.
Ist das richtig?
Sollte man nicht eher schweigen? Weil das, was geschehen konnte, so grausam und in Worte nicht zu fassen ist? Oder, weil viele es einfach nicht mehr hören wollen. „Damit muss doch endlich mal Schluss sein,“ sagen sie.
Damit stehlen wir uns aus der Verantwortung. Denn aus dem Schweigen wird zu schnell ein Verschweigen.
Viele sagen: „Was für eine Verantwortung trage ich an dem, was vor über 65, 70 Jahren geschehen ist?“
Wir tragen die Verantwortung des Gedenkens.
Gedenken heißt die Augen nicht zu verschließen vor dem, was war.
Gedenken heißt Verantwortung zu übernehmen für das, was jetzt ist. Farbe zu bekennen, so wie wir es hier in Berlebeck immer wieder versuchen.
Gedenken heißt widersprechen, wenn der Holocaust geleugnet wird.
Gedenken heißt aufmerksam zu sein für das, was um uns herum geschieht, und nicht den Rattenfängern unserer Tage Gehör zu schenken oder ihnen gar hinterherzulaufen.
Welche Möglichkeiten haben wir als Christen? Was können wir tun?
Ein anderes Buch ist um die Welt gegangen: Anne Franks Tagebuch. Anne Frank hatte sich keine Geschichte ausgedacht. Das jüdische Mädchen schrieb in ihr Tagebuch, was sie selbst erlebte. Sie war 13 Jahre alt, als sie am 14. Juni 1942 festzuhalten begann, wie es ihr und ihrer Familie im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus erging. Die Familie Frank war 1934 aus Angst vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Amsterdam übergesiedelt. 1942 musste sie untertauchen. Über zwei Jahre schrieb Anne ihre Gedanken auf. Der letzte Eintrag datiert den 1. August 1944. Drei Tage später waren sie in ihrem Versteck entdeckt worden und abtransportiert worden. Bis heute weiß man nicht, wer sie verraten hat. Anne starb im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Als Einziger aus der Familie überlebte ihr Vater.
An einer Stelle schreibt sie in ihrem Tagebuch: \"Wenn man an seine Nächsten denkt, müsste man weinen. Eigentlich müsste man den ganzen Tag weinen. So bleibt nur das Gebet und die Bitte zu Gott, dass er ein Wunder geschehen lasse und einige von ihnen am Leben erhalte! Und ich bete aus tiefstem Herzen.“
\"So bleibt nur das Gebet und ich bete aus tiefstem Herzen\", schreibt Anne Frank.
Nur das Gebet?
Ja, das Gebet! Im Gebet können wir vor Gott das Unfassbare in Worte fassen.
So wie wir eingangs im Psalm gebetet haben: „ Vernimm, Herr,mein Gebet und merke auf die Stimme meines Flehens! In der Not rufe ich dich an; du wolltest mich erhören! Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“ Und in einem anderen Psalm heißt es: „Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine. Und sieh. Ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“
Im Gebet dürfen wir Gott unsere Hilflosigkeit und unsere Scham nennen für das, was geschehen konnte.
Im Gebet dürfen wir Gott um Jesu Christi willen um Vergebung bitten.
Im Gebet dürfen wir Gott um Klarheit, um Weisung und Rat für die Entscheidungen, die wir in unserem Leben zu treffen haben in den Ohren liegen.
Aus dem Gebet heraus müssen wir handeln. Denn beides gehört zusammen: Das Gebet und der Einsatz dafür, dass das, was war, sich niemals wiederholen kann. Auch in meiner nächsten Nähe nicht.
Darum: nicht weghören, nicht wegsehen, wenn über Fremde gelästert wird, jemand bedroht wird oder in der Klasse einer zum Mobbingopfer wird.
Hilfe holen, wenn man selbst nicht helfen kann oder sich auch nicht traut.
Und widersprechen, wenn der Holocaust verharmlost oder gar geleugnet wird.
Dazu soll auch die Ausstellung dienen, die nach dem Gottesdienst im Foyer eröffnet wird.
„Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte. Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine. Und sieh. Ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“
Amen.

LIED

Herr gib uns Mut zum Hören (EG 605,1-5)

Gebet & Segen
FÜRBITTEN

(3 Konfirmand/innen)

Herr, unser Gott, lieber Vater im Himmel, mit Deinem auserwählten Volk bekennen wir, dass Du der Schöpfer des Himmels und der Erde bist. Unter Deinem Segen leben wir im Alltag der Welt. Wir sind Deine Kinder und darum Brüder und Schwestern. Hilf uns, dass wir geschwisterlich in der Hoffnung auf Dein Heil handeln.

Lass uns offene und verborgene Judenfeindschaft erkennen, aufmerksam sein für das, was wir Christen der Judenheit zugefügt haben und immer noch zufügen. Mache uns stark, dass wir dem Vergessen und Verdrängen der Vergangenheit widerstehen.

Dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, wurde von einer jüdischen Mutter geboren. Er war voll Freude über den Glauben einer syrischen Frau und eines römischen Soldaten, er hat die Griechen, die ihn suchten, freundlich aufgenommen und ließ es zu, dass ein Afrikaner sein Kreuz trug.
Hilf uns, mit Menschen aller Rassen und Völker Erben Deines Reiches zu werden.

VATERUNSER

LIED

Erleuchte und bewege uns (EG 608), mehrmals gesungen

SEGEN

MUSIK